Topographien der Zeit: Zum neuen Gedichtband von Peter Neumann

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tief wurzeln in der timeline die bäume

Mit dem etwas mehr als 70 Seiten starken Bändchen areale & tage legt der Dichter und Philosoph Peter Neumann (*1987) sein bereits zweites Buch mit Gedichten bei der edition AZUR (Dresden) vor. In vier Abteilungen — entsprechend den vier Abschnitten im vorliegenden Text — durchwandert der Autor seine mecklenburgischen Mutter- und Vaterlande, lässt die Leser*innen an Erinnerungen, Orten und Bildern teilhaben, »die wir nie sahen, ehe wir uns ihrer erinnerten.« Dieses Zitat von Walter Benjamin, welches Peter Neumann dem nur acht Zeilen (Verse?) umfassenden ›birkengrün‹ (S. 40) voranstellt, steht einerseits sinnbildlich für die Idee einer Topographie der Zeit: als Gedankenexperiment seines Gedichtbandes stellt der Autor einen Auszug aus Hans Magnus Enzensbergers Wahrnehmungen aus sieben Ländern Ach Europa! (Frankfurt/Main: Suhrkamp 1989) voran, welches vorschlägt ›Isochronen‹, alternative Zeit- und Lebenslinien, »die die Risse und Verwerfungen der Geschichte zeigten« (S. 5), erfahr- und (gedanklich) bereisbar zu machen. Diesen Versuch unternehmen die insgesamt 41 Gedichte und acht Prosa-Intermezzi in Neumanns areale & tage.

»ganz diesseits der schlachtberg, gingen wir     
hörten hinauf, dass man die gegend ausmessen     
kann mit den schritten des atems, ströme     
die blutrinne, so nennt man die straßen in diesem     
ort, waren schon lange gar keine bauern nicht     
die landestypische tracht, cap zeigt nach hinten, die     
sonnenbrille spiegelverkehrt, zeitversetzt vor     
uns das schlachtengemälde, verendete hummeln     
spätblühend zu zehnt, zu hunderten, führte     
der plattenweg, eine allee unter linden ins dorf«[1]     

Und andererseits zeigen das Benjamin-Zitat und auch jenes von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling zum Gedicht ›wo wir uns fanden‹ (S. 20), was für ein Autor da hinter diesen Texten steht: ein versierter Leser und kenntnisreicher Philosoph, der mit textlichen Anspielungen und bildhaften Assoziationen seine Leserschaft Seite für Seite an seinem Leben teilhaben lässt.
Sein philosophisches und zeitgeschichtliches Wissen implementiert Neumann, der in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität studierte, dort seine Dissertationsschrift verfasste[2] und nunmehr als Wissenschaftlicher Mitarbeiter lehrend tätig ist, in die Texte. Beziehungsreich ist aber auch Neumanns Sprache selbst. Sie greift so offensichtlich (oder vermeintlich?) kleine Bilder wie Großmutters Kittelschürze in ›blue screen‹ auf (S. 10), intime Orte, die dann aber zu einer großen Welt werden. Vergleichbar ist dies vielleicht mit der Film- und Fototechnik des ›Blow-Up‹: ein kleinformatiges Bild — oder wie in Neumanns Fällen: ein Ausschnitt dessen — wird vergrößert („aufgeblasen“), sodass sich Nuancen dieses Bildausschnittes sichtbar machen lassen, die einem sonst verloren gingen. In dieser bedächtig eingesetzten Technik und Erzählweise gleicht Peter Neumann dem Filmemacher Edgar Reitz, der in seinen Heimat-Filmen (1984, 1992, 2004, 2012) gleichermaßen intime Momente und rurale Geschichten, die vorsichtig und mit Bedacht Farben und Kontraste in Weiß und Schwarz setzen, abbildet. Das ist nicht klein, das ist nicht groß:

»du weißt nicht, was es heißt, so zu leben«[3]     

…lautet die folgerichtige Feststellung. Eine Natur- und Milieuromantik aus den (nicht mehr ganz so) neuen Bundesländern, die aber nicht kitschig sein, sondern schlicht dokumentiert will.

 

abends leuchten die strümpfe im grund

Mit Edgar Reitz gemein hat Peter Neumann — pathetisch ausgedrückt — die Liebe zur Heimat und die Begeisterung für „die kleinen Dinge“. Ganz anders als Reitz vermag es Neumann aber, seine Geschichten in knappster Form zu erzählen. Die Gedichte weisen mitunter eine sprachliche Nähe zum klaren und in ruhigen Ellipsen geschwungenen — etwas fehlgeleitet auch als norddeutsch zu interpretierenden — Ton eines Johannes Bobrowski auf, die Meeresluft atmen und deren manche Worte vom Ostseewind geformt und/oder verschluckt werden. Da hört man auch den gedehnten Vokalton des Mecklenburgischen des »[doch] da nich für«: ein Mundart-Schimmer durchhuscht Texte wie ›deutsche vita‹ (S. 72), einem kleinen Lobgesang auf Neumanns Bundesland und dessen Sprache. Nicht umhin kommt man, den jungen Schriftsteller mit dem zu vergleichen, der Mecklenburg-Vorpommern auf die Landkarte der Weltliteratur gebracht hat: Uwe Johnson. Dieses Erbe schwingt in areale & tage mit, welches Peter Neumann auch bewusst anzutreten scheint. Johnson taucht immerhin mehr als einmal in seinem ersten Gedichtband geheuer[4] als Widmungsträger bzw. Ideengeber auf, und in Momenten wo einem der sommerliche Raps das Auge verreißt (S. 27) ist Neumann ganz nah an Johnson und seiner züngelnden Sonne, die »Fäuste voll Licht über tiefliegendes Feld« wirft.[5]

     » – steingrau, sommergrün
     – hochspannungsmasten
     – von den datschen segelt der rauch«[6]

Charmant unterbrochen wird diese Art der Sprache und Metaphorik durch das gelegentliche Einflechten englisch-internetsprachlicher Wörter moderner digitaler Postpopkultur („timeline“, „all the way“, „delay“, „earthporn“ etc.). Dies wirkt aber, obgleich unvermittelt und vielleicht hin und wieder auch unbegründet eingesetzt, nicht bemüht oder gar gestelzt und — zugegeben: der Rezensent ist selbst nur ein Jahr älter als der Dichter — frischt die erinnerungsschwangere Atmosphäre von areale & tage immer mal wieder auf.
Die sieben Texte der zweiten Abteilung experimentieren noch am meisten mit der literarischen Form: aphoristische Erinnerungen und Beobachtungen, die wie Post-Its aneinandergereiht und deren Reihenfolge hie und da auch nicht festgelegt werden müsste, stecken Areale und Episoden (einer Dorfjugend?) ab und umkreisen diese — jede mit langem Gedankenstrich eingeführt, stehen sie in lapidar umgangssprachlichem Gestus so markant wie Verse eines Songs von Tocotronic da.

 
 

diese seebrücke führt nicht übers meer

Im ersten Teil seines Hauptwerks Ursprung und Gegenwart (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH 1949) beschreibt der Philosoph und Kulturpsychologe Jean Gebser die vier Bewusstseinsstufen, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte durchgemacht hat: archaisch, magisch, mythisch und mental. Naturbezogenheit, Ich-Werdung und „In-der-Welt-Sein“ entwickeln sich sukzessive vom Vorraum- und Vorzeitlichen (archaisch) über das Raum-, Zeitlose und Naturzeithafte (magisch, mythisch) hin zum abstrakt Raum- und Zeithaften (mental).
Peter Neumanns areale & tage bewegen sich zwischen magischem und mythischem Bewusstsein, zwischen Schlaf und Traum, Emotion und Imagination. Diese Wechsel treten vor allem in der dritten Abteilung — die sich nun eher in Neumanns beruflicher Heimat Thüringen abspielt — und nicht zuletzt in den als Brüche (Aufwachmomente) empfundenen Prosa-Intermezzi hervor.

»Wenn wir von Raum und Zeit sprechen, so müssen wir uns daran erinnern, dass diese Begriffe von unserem Bewusstsein erarbeitet wurden und dass vornehmlich sie es sind, die es konstitutieren und seine Wirksamkeit ermöglichen. Der Ausgangspunkt für diese Leistung aber war die Raum-Zeitlosigkeit. Diese Raum-Zeitlosigkeit […] ist nicht darstellbar. Darstellen heißt Räumlichen; wie aber soll man Unräumliches räumlichen, ohne dass es seinen raumlosen Charakter verlöre?«[7]

Die Raum-Zeitlosigkeit der Neumannschen Lyrik ergibt sich natürlich aus dem Gedankenexperiment Enzensbergers und der Idee einer Topographie der Zeit. In lakonisch gleichgültigem Ton, der von der spärlich gesetzten, auf jedwede Hebung und Senkung verzichtenden Interpunktion noch unterstrichen wird und das lyrische Ich mithin apathisch dastehen lässt — wenn es in ›magnetische atlanten‹ (S. 39) mit dem Finger auf der Landkarte reist, nach Wespen mit dem Politikteil der Zeitung trachtet (›parade‹, S. 44) oder ›der pass‹ (S. 50) zwar bei ihm ankommt, jedoch mutlos vor seinen Füßen verhallt —, drückt sich das aus, was Rahel Jaeggi als „Beziehung der Beziehungslosigkeit“ benennt[8], mit dem erwähnten Zitat Walter Benjamins unterstrichen wird und letztendlich auch mit dem berühmten Adorno-Bonmot zusammenzubringen ist:

»Die Gestalt aller künstlerischen Utopie heute ist: Dinge zu machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.«[9]     

Dass dies alles nicht immer so schwer und hochtrabend klingen muss, wie die literarischen und philosophischen Gewehrsmänner und -frauen, die Peter Neumann oder auch diese Rezension hier zurate ziehen, vermuten lassen, zeigen so unterhaltsam lustige Texte wie ›es ist noch immer alles gut gegangen‹ (S. 11), ›das war’s, glaube ich‹ (S. 64) und ›skying‹ (S. 52). Dort zeigt sich Neumann als ein Nachfahre des herben Humors eines Robert Gernhardt oder Charles Bukowski.

»wenn ich alt bin, lasse ich mir     
POETRY’S NOT DEAD in die bauchfalte     
tätowieren, damit auch die pfleger     
etwas zu lachen haben, wie überall in den wäldern     
bilden sich pilzkolonien     
unter den jahresringen aus hautlappen     
[…]«[10]     
 
 

alle uhren gehen sehr

Den vierten und letzten teil aus areale & tage bilden 14 Gedichte, in denen Peter Neumann sich an etwas versucht, das man als ASMR-Lyrik bezeichnen könnte: „Autonomous Sensory Meridian Response“ beschreibt ein Wahrnehmungsphänomen, welches sich üblicherweise durch Kribbeln der Kopf- und Nackenhaut ausdrückt. Provoziert werden können diese wohligen Schauer u. a. durch akustische und/oder visuelle Reize.[11] Was Peter Neumann wiederum mit seinen Texten, die so fühlbar und im wahrsten Sinne eindringlich sind, schafft, ist das synästhetische Nachempfinden der Orte und Momente seiner Erinnerungen: ›earthporn‹ (S. 57), das bereits 2017 als Nr. 151 der Thüringer Anthologie erschien — einem dreijährigen Projekt des Thüringer Literaturrates e. V. mit der Thüringer Allgemeinen, in der (von der großen Schwester aus Frankfurt abgeleitet) von März 2014 bis März 2017 wöchentlich je ein Gedicht mit ausführlichem Kommentar veröffentlicht wurde[12] —, zeigt dabei ebenso wie die meisten anderen Texte dieser Abteilung ein Übermaß an Naturbeschreibungen und (Alltags-)Gegenständen, Nahrungsmitteln, die in ihrer Direktheit an Gottfried Benn und auch wieder Johannes Bobrowski erinnern lassen.

     »in der rechten
     das messer.
     quer zur tafel die klinge:
     wildbraten.
     alle sitzen am tisch.
     dir
     läuft der saft
     von den fingern.«[13]

* * *

 

Mit Detail- und Formenreichtum experimentieren diese so unterschiedlichen Texte. Sind Gedankensplitter, kleine Referate und Gesprächsaufzeichnungen, die je-de etwaige Homogenität eines geschlossenen Zyklus’ kategorisch unterwandern. Heraus ragen hier besonders die letzten Texte ›spüle‹, ›zeit & schläfe‹, ›deutsche vita‹, ›siehssudas‹ und ›alle uhren gehen sehr‹ (S. 70ff), die alle vorherigen Formen allein schon ob ihres Umfangs übertreffen: filterlos strömen sie da auf das Papier und fühlen sich mit schneller Feder dahingeschrieben an. Die Flüchtigkeit, die diesen Bahn- und Bahnhofsgeschichten — die im Ganzen besehen areale & tage wie ein Reisetagebuch Peter Neumanns wirken lassen und ihn so wieder in die Nähe Hans Magnus Enzensbergers und seiner denkschriftartigen Reise-Essays aus Ach Europa! treten lassen — innewohnt, schließt an die Erzählung aus der ersten Abteilung an, verbunden durch die Prosa-Intermezzi, die den Metarahmen der Zugfahrt (von Mecklenburg-Vorpommern nach Thüringen), die doch immer wieder die gleichen Bilder sehen lässt und die immergleichen Erinnerungen und Assoziationen hervorruft.

     »[…] ich bin
     der raum, die noch immer nicht überwundene zeit.«[14]

Schlussworte zu einem Textkonvolut zu finden, das eigentlich ohne festen Ort, Anfang und Schluss ist, ist schwierig bis hin unmöglich. Peter Neumanns Gedichte seiner areale & tage sind ein Lesevergnügen erster Güte. Dazu trägt auch die schön gestaltete Ausgabe von Frauke Wiechmann (Berlin) erheblich bei, die dem Büchlein aus dem Hause edition AZUR die nötige Aura — um einen klassisch Benjaminschen Begriff zu verwenden — verleiht. Auf knapp 80 Seiten bietet sich da eine vollgepackte Topographie der Zeit, die beim Lesen nur so verfliegt.

 

              

1.  Peter Neumann, ›wo wir uns finden‹ in: Ders., areale & tage. Gedichte (Dresden: edition AZUR 2018) — S. 20.
2.  Ders., Jena 1800: Die Republik der freien Geister, erscheint am 24.09.2018 (München: Siedler Verlag 2018).
3.  Ders., ›blue screen‹ in Ders., areale & tage — S. 10.
4.  Ders., geheuer. Gedichte (Dresden: edition AZUR 2014).
5.  Uwe Johnson, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Band 1 (Frankfurt/Main: Suhrkamp 1970) — S. 9.
6.  Peter Neumann, ›VI‹, in Ders., areale & tage — S. 34.
7.  Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart. Erster Teil (München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1973) — S. 234.
8.  Rahel Jaeggi, Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems. (Berlin: Suhrkamp 2016).
9.  Theodor Wiesengrund Adorno, Vers une musique informelle, in: Ders., Quasi una fantasia (= Bd. 16 der Gesammelten Schriften, hrsgg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno et al. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1978/2003) — S. 499-540 (hier: S. 540).
10. Peter Neumann, ›skying‹ in Ders., areale & tage — S. 52.
11. YouTube verzeichnet mehrere Millionen Videos unter dem Tag „ASMR“.
12. Jens Kirsten über Peter Neumann (letzter Zugriff: 23.05.2018).
13. Peter Neumann, ›schnitt‹ in Ders., areale & tage — S. 61.
14. Ders., ›alle uhren gehen sehr‹ in Ders., areale & tage — S. 76.

 

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