Poetisches Roadmovie über Mikis Theodorakis

von

Dance

Eingangs des Gesprächs- und Premierenvorabends gibt Asteris Kutulas auf entwaffnend humorvolle Art dem zahlreich erschienenen Publikum im Dresdner Programmkino Ost die Empfehlung, man solle nicht versuchen, den folgenden Film zu verstehen.[1] Von 1987 bis 2017 begleitete der 1960 in Rumänien geborene, in Deutschland aufgewachsene und noch heute in Berlin lebende Filmemacher, Autor und Musikproduzent Kutulas den griechischen Komponisten und Ausnahmekünstler Mikis Theodorakis (*1925), stets seine Videokamera im Gepäck: »3 Jahrzehnte, 4 Kontinente, 100 Drehorte, 600 Stunden Filmmaterial«[2] ist auf der Homepage zum Film zu lesen. Ein beeindruckendes Zeitdokument, in dem man mit Theodorakis, dem hochgewachsenen und auch im höchsten Alter noch charismatisch eitlen Lebemann, historische gesellschaftliche Umbrüche hautnah miterlebt, die Aufführungen einzelner Kompositionen nachvollziehen oder gemeinsam mit dem Komponisten im Auto sitzend eine Aufnahme seines vierten Streichquartetts (1958) hören kann — und nicht zuletzt hinter die Masken eines Mannes schaut und intime Einsichten in die Gefühlswelt eines Einzelnen wie auch eines ganzen Landes gewinnt. Hier geht man im wahrsten Sinne with Mikis on the Road.
Und diese Straße ist alles andere als geradlinig, noch hat sie etwa eine befestigte Fahrbahnmarkierung oder verläuft gar nur in eine Richtung: Dance Fight Love Die ist vielmehr eine mehrspurige Schnellstraße, die in 86 Minuten um die Welt, v. a. jene führt, die von Mikis’ Musik nachhaltig geprägt wurde.

Dass diese Ausprägungen, Coverversionen und Rekompositionen der Werke Theodorakis’ derart unterschiedlich ausfallen verwundert eingefleischte Fans, Kenner wie auch Biographen gleichermaßen. Und das macht den ausufernden Genre- und Stilmix des Films, der ständig damit zu kokketieren scheint, dass er viel zu heterogen und eklektizistisch in seiner Ästhetik ist, erst wirklich aus. Theodorakis’ Leben und Wirken — ob nun künstlerisch oder gesellschaftlich — lässt sich nur so erzählen, ist die offensichtliche Prämisse des Regisseurs. Wenn man bedenkt, dass er „lediglich“ Filmmaterial aus den letzten dreißig gemeinsamen Jahren verwendet.
Mikis Theodorakis ist eben mehr als nur das „Da-Damm“ des zurecht weltberühmt gewordenen Alexis Zorbas (1964) und auch mehr als die über 1000 Lieder. Ohne Übertreibung kann man Theodorakis — und dies darf auch für Dance Fight Love Die gelten, da er eben Theodorakis ist — etwas Erhabenes zusprechen, dem Kant das schlechthin Große, etwas Nichtfassbares und Undarstellbares zuschreibt.[3] Ihm haftet etwas Paradoxes, Widersprüchliches und Ambivalentes an, »ist in Einem geformt und formlos.«[4] Diesem Phänomen versucht der Film auf die Spur zu gehen, wagt diesen Tanz (auf dem sprichwörtlichen Vulkan, der Theodorakis selbst ist) und ergründet, warum dieser Mann und seine Musik auch heute noch derart beliebt und für viele inspirierend sind. »Das Establishment und die Komponisten der Avantgarde haben ihn gehasst.«[5]

 

Fight

Ein Kämpfer ist er zeitlebens gewesen. Dies unterstreicht der Film, gleichwohl er erst in den späten 1980ern, heißt: in Theodorakis’ beginnendem Rentenalter einsetzt, auf mehreren Handlungsebenen. Kampf und Widerstand, ob nun aktiv (politisch) oder passiv (musikalisch) — oder andersrum? — zeichnen Komponist und Film gleichermaßen aus. Die Schwierigkeit, das alte Bildmaterial von abervielen, bekannten und weniger bekannten Videoformaten zu digitalisieren und aufzubereiten für eine heutige 5K-Kinooptik merkt man dem Film an. Auch der Regisseur hatte mit sich und seinem Material zu kämpfen: da wird teilweise ordentlich getrickst, um augenscheinlich kaum Verwendbares visuell ansprechender zu machen, originäre Handlungsebenen werden eingeführt, damit das Auge nicht nach zehn Minuten 90s-Low-Def-Film ermüdet, und das ohnehin selten gesprochene Wort wird fortwährend durch Liedeinlagen kontrapunktiert.
In Anlehnung an eine Kompositionstechnik, die Theodorakis sich für die Vertonung komplexer Lyrik (Elytis, Seferis, Ritsos, Kavafis et al.) angeeignet hat und die er „Liedfluss“ nennt, bezeichnet Kutulas Dance Fight Love Die als einen „Filmfluss“: ein Thema, eine Melodie wird aufgegriffen und von Vers zu Vers bzw. von Sequenz zu Sequenz mal länger mal kürzer ausgeführt — zwischen vierzig Sekunden bis drei Minuten können diese thematischen Teile variieren.[6] So ist Kutulas’ Ansatz, den er von Theodorakis’ Kompositionstechnik abgeschaut hat, ein überaus kantabler. Das macht auch den Einsatz von so viel gesungenem Wort — ob nun ein vom Komponisten salopp dahin geworfener Lindenbaum (auf Englisch) während einer Aufnahmesession oder das Zusammentreffen mit drei jungen deutschen Musiker*innen im hauseigenen, im typisch attischen Licht durchfluteten Studio[7] — sinnfällig und zeichnet Dance Fight Love Die als eine filmische Kantate aus, als »die Geburt eines Films aus dem Geiste der Musik«, wie Asteris Kutulas ohne Scheu Friedrich Nietzsche abzuleiten versucht.[8]

 
 

Love

Auf einer der filmeigenen Homepages ist das Geschehen, i. e. die inhaltliche Abfolge der vier Themenfelder in Dance Fight Love Die beschrieben als »ein überbordendes visuelles Epos, ein clip-artiges, poetisches Roadmovie, eine assoziative Filmcollage.«[9] Erzählt wird, neben den dokumentarischen Schnipseln aus dreißig Jahren reger Komponier- und Konzerttätigkeit und deren zeitgenössische Interpretation durch Musiker*innen wie das israelische Ensemble Anna RF oder die US-Indie-Rockband Deerhoof, die Liebes- und Leidensgeschichte von Marina (Sandra von Ruffin) und Akar (Stathis Papadopoulos). Hochzeitsvorbereitungen und -feierlichkeiten wechseln sich mit unterschiedlichen Kampfhandlungen — mal im Bett, mal im Boxring, mal vor dem Kanonenrohr eines unermüdlich anrollenden Panzers — ab. Eine anspielungsreiche, assoziative Dokumentation einer Lebensgeschichte, die, wie aus den Filmcredits zu entnehmen ist, durch jene Myrto und Mikis Theodorakis’ inspiriert ist. Die Szenen werden von Musik aus den Opern Die Metamorphosen des Dionysos (1984/85), Medea (1988-90) und Antigone (1995-97) begleitet und verleihen der gesamten filmischen Kantate eine Opulenz und Dramatik, die wahrlich überwältigend ist: der häufige Einsatz von Zeitlupenaufnahme entrückt diese Szene ebenso von den restlichen Ebenen des Films wie auch die Tatsache, dass ihre Protagonist*innen derart schön (dargestellt) sind, dass man nicht umhin kann, als sich von ihnen unmittelbar angezogen zu fühlen. Die elegischen Opernmelodien — gleichwohl ihres griechischen Texts von den meisten Zuschauer*innen vermutlich nicht zu verstehen — tun ihr übriges dazu, die Sequenzen von Marina und Akar zu erotisieren. »[E]in unikaler Film über Inspiration, Eros und Thanatos«[10], ist Dance Fight Love Die nicht nur ein Zeugnis über die Liebe(n) des, sondern auch zu Mikis Theodorakis. Eine Hommage, die keines objektiven Abstands bedarf, um nicht als hagiographisch entlarvt zu werden. Dass Asteris Kutulas diese redaktionelle und filmische Leistung nicht alleine hat erbringen können, hebt er stets hervor. So ist dieses Roadmovie auch ein Dokument der Liebe zu seiner Frau und engsten Mitarbeiterin Ina, die in langwierigen Prozessen als Erste das gesamte präexistente Filmmaterial der letzten dreißig Jahre gesichtet und kategorisiert sowie daraufhin am Drehbuch mitgeschrieben und den Film mitproduziert hat.[11]

 
 

Die

Was kann nach alledem noch kommen? Wie kann es mit und nach Theodorakis denn weitergehen? In verschmitzter Nachdenklichkeit sieht man das alte Ehepaar auf einer Couch sitzen und Mikis referiert darüber, wie er von seinem Vater als Kind vom Stern Vega erzählt bekam. Dahin möchte er: gemeinsam mit seiner Frau und all seiner Musik, gepresst auf eine einzige Idee, mit einer Rakete in den Kosmos geschossen…Myrto schweigt dazu. Als wahrer Luftikus tritt Theodorakis auf, als Gott des Windes, der seine Musik in alle Himmelsrichtungen verstreut und in die Ohren und Herzen aller Menschen bläst. Der Erde und dem Wasser war er eh nie so zugetan, wie er sagt — dort hat er sich unwohl und begrenzt gefühlt. Sein eigenes Universum hingegen kennt keine Grenzen, wie auch der Film von Asteris Kutulas (fast) keine kennt.
Was kann für ihn noch kommen? Eine Zeit nach Theodorakis, nach den Theodorakis-Filmen? Dass er rhetorisch dazu in der Lage ist, Theodorakis’ Musik in Filmbilder zu übersetzen, hat der Regisseur mit den zwei Vorgängerproduktionen Mikis Theodorakis: Komponist (2011, gemeinsam mit Klaus Salge) — einem für den deutsch-französischen Fernsehsender Arte produzierten und konventionell erzählten Künstlerporträt — und Recycling Medea (2013) — einer Nacherzählung des antiken Medea-Stoffes entlang einer Balletinszenierung von Renato Zanella, die mit Archivbildern der Athener Unruhen auf dem Syntagma-Platz 2011/12 kontrastiert werden — bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auch hat Kutulas gezeigt, dass die Themen Mikis Theodorakis und die Musik, Griechenland und Europa für ihn geradezu unerschöpflich sind. So gibt es für Dance Fight Love Die neben einer umfangreichen Dokumentation auf mehreren Websites auch für den Film nicht verwandtes Filmmaterial, das in Form sogenannter „Satellite Clips“ auf den gängigen Social Media-Plattformen angeschaut werden kann. Darin werden einzelne Charaktere (vor wie hinter der Kamera) näher vorgestellt und verpassen dem gesamten, nun etliche Jahre währenden Theodorakis-Projekt der immer größer werdenden Kutulas-Community ein zusätzliches, facettenreiches Gesicht.

 

* * *

 

„Versuchen Sie nicht, diesen Film zu verstehen“: eine Handlungsempfehlung, die treffender nicht gegeben werden könnte. …on the Road with Mikis Theodorakis, einer grenzenlos weiten und langen Straße, die von einem Leben gezeichnet ist, welches wie Disneyland auch nicht an einem Tag zur Gänze erfahren werden kann. Einmal sehen reicht da nicht, einmal hören gleich gar nicht. Denn diese Straße führt in ein uns allen vollkommen unbekanntes, vielleicht aber vorsichtig erahntes oder auch ersehntes Universum. In poetischen und mitunter verstörenden Filmbildern haben Asteris und Ina Kutulas mit ihrem Roadmovie „aus dem Geiste der Musik“ einen Tunnel angefahren, an dessen Ende dieses berühmte attische Licht aufscheint, das neue filmische Welten eröffnen wird.

 

                 

1.   Asteris Kutulas im Gespräch mit Andreas Körner am 09.05.2018 in Dresden.
2.   Homepage zum Film (letzter Zugriff (11.05.2018).
3.   Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft. Königsberg 1790.
4.   Friedrich Theodor Vischer, Die Metaphysik des Schönen, in: Ders., Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen 1846.
5.   wie Anm. 1.
6.   ebd.
7.   Echowand. Johanna Krumin (Gesang), Markus Zugehör (Klavier), Sebastian Schwab (Arrangements). SCHOTT MUSIC GmbH & CO. KG 2015
8.   wie Anm. 2.
9.   ebd.
10. ebd.
11. Ina Kutulas im Gespräch mit Peter Motzkus am 09.05.2018 in Dresden.

 

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