Transitzentren, die Wiederherstellung der Demokratie und ein Todestag

von

Memoire

Vor 40 Jahren — 1978 — waren Griechenland und seine Kultur noch immer von den Nachwehen der Welt- und Bürgerkriege, Militärjunta und Revolution geprägt: die alte und neue, dennoch so junge Repub­lik hatte gerade einmal vier Jahre nach dem Regime­wechsel (griech. Μεταπολίτευση) und der Wiederher­stellung der Demokratie (griech. Αποκατάσταση της Δημοκρατίας) nach sieben Jahren militärischer Dikta­tur hinter sich: der 24.07. ist seit dessen ein National­feiertag am Ort der kulturellen und gesellschaftlichen Wiege der Menschheit.
Nur knapp drei Wochen vor der ›Wachablösung‹ in Athen geschah im fernen München ein für viele nicht weniger bedeutendes Ereignis: die Bundesrepublik Deutschland wird Fußball-Weltmeister. Die als unüber­windbar eingeschätzten Niederländer um ihren Star Johan Cruyff verloren — und konnten sich seitdem nicht mehr bis ins Finale einer Weltmeisterschafts-Endrunde spielen…wenn sie sich denn überhaupt für diese qualifizierten…

Von einer Endrundenteilnahme war die griechische Nationalmannschaft hingegen selbst 1974 noch 20 Jahre entfernt. Viel wichtiger war es aber auch, Land und Leute nach den verheerenden Irrjahren wieder aufzubauen und gesellschaftliche und kulturelle Res­tauration zu betreiben. Nicht nur müssen dabei Per­sönlichkeiten im Format eines Mikis Theodorakis ge­nannt werden, der nach Rückkehr aus dem selbst ge­wählten französischen Exil als Volksheld und kultu­reller Heilsbringer gefeiert wurde[1], sondern auch so stille und umtriebige Künstler wie Nikos Mamangakis. »Im Wesentlichen bin ich in München musikalisch gereift.«[2]

Während seiner Münchner Studienzeit bei Carl Orff (1956-62) lernte Mamangakis die breite Entwicklung klassischer und avantgardistischer Musik kennen: schnell ist der temperamentvolle Kreter über den äs­thetischen Horizont seiner beiden Professoren — ne­ben dem philhellenen Orff nahm sich auch der ehem. Hindemith-Schüler Harald Genzmer des Griechen an — hinaus, treibt mathematische und dodekaphone Spielereien in seinen Werken und vertont erste Ge­dichte. Orff aber ist es erst, der Mamangakis dazu an­hält, sich auf seine wahren Stärken zu besinnen und nicht sein griechisches, ja: auch folkloristisches Erbe zu verneinen. Er ermuntert ihn dazu, sich den Dich­tungen der großen griechischen Schriftsteller zu wid­men — Mamangakis nimmt dankend an. Eine über die weiteren Jahrzehnte bis zu seinem Tod am 24.07.2013 andauernde Auseinandersetzung mit Texten von Odys­seas Elytis, Nikos Engonopoulos, Giorgos Chortatzis, Konstantinos Kavafis, Nikos Kazantzakis u. v. m. setzte ein.

Im Laufe seiner Studien in Deutschland, die Nikos Ma­mangakis in den späten 60er und frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zu zahlreichen Filmmusiken für den Jungen Deutschen Film (Edgar Reitz et al.) und zu Uraufführungen seiner avantgardistischen Wer­ke sowohl nach Donaueschingen (1968: Τετρακτύς, 1971: Αναρχία) sowie erneut nach München brachten, wo er für die Olympischen Sommerspiele 1972 das kammermusikalische Klavierkonzert Κυκεώνα kom­ponierte, befand sich Nikos Mamangakis stets in einem dialektischen Spannungsverhältnis: zwischen Kunst- und Volksmusik, Avantgarde und Folklore, Konzert- und Kinosaal…und nicht zuletzt: zwischen Griechen­land und Deutschland. Ähnlich wie sein Landsmann Theodorakis — aber auch Geistesverwandte wie der Brasilianer Heitor Villa-Lobos und der Argentinier As­tor Piazzolla — entschied sich Mamangakis gegen die mitteleuropäische Avantgardedoktrin, in der er sich gekonnt und erfolgreich zu bewegen in der Lage sah, und kehrte ins Land der Mütter und Väter zurück — um vor allem Musik für das Volk zu machen. Von sei­nem zweiten BRD-Aufenthalt kommt er 1971 zurück und gibt im März der griechischen Zeitung Epikaira ein Interview, in dem er mehr als einmal deutlich macht, dass es falsch ist, Musik — und folglich seine Hörer*innen — in Kategorien wie ›E‹ und ›U‹, Neue Mu­sik und Folklore zu unterteilen und dadurch unweiger­lich Ressentiments und alteritäres Denken zu schüren.

 
 

»Der Künstler der Avantgarde interessiert sich für das Publikum!«[3]

Diese als eine Art kategorischen Imperativs formu­lierte Aussage soll nicht zwingend ein opportu­nistisches ›Sein-Fähnchen-nach-dem-Winde-Hängen‹ oder ein ›Sich-dem-Anpassen, was der Publikumsge­schmack und Zeitgeist vielleicht gerade hören zu wol­len vermeint‹ bedeuten. Vielmehr meint der Kompo­nist damit ein Wachsamsein für die steten Entwick­lungen und Veränderungen, ja: auch geschmacklichen Tendenzen, die die zeitgenössischen Künstler aufzu­nehmen nicht nur in der Lage, sondern auch gewillt sein sollten.[4]

Wissend, dass er, der noch 1962 den Zweiten Preis beim neu gegründeten Manos Hadjidakis-Kompositi­onswettbewerb mit dem Violoncello-Solostück Μονό­λογος errang, im von den Obristen geführten Grie­chenland der 1970er Jahre mit avancierter (westlicher) Instrumentalmusik keinen vergleichbaren Erfolg, ja: kaum ein Publikum haben würde, besann sich Nikos Mamangakis auf seine ›wahren Stärken‹, die ihm einst sein erzbayrischer Professor in München bewusst ma­chen musste: und verband mitteleuropäisch geprägte Avantgarde mit griechischer Folklore, schuf zeitgleich mit Mikis Theodorakis eine Liedform, die als neues künstlerisches Volkslied (griech. έντεχνο λαϊκό τρα­γούδι) auch weit über die Grenzen Griechenlands gro­ßen Zuspruch erhalten sollte. In dieser Zeit der vielen Film- und Schauspielmusiken, Opern und Liederzyklen, die Mamangakis’ Ruf als einen der vielseitigsten griechischen Komponisten sicherten wandte dieser sich 1978 an den Schriftsteller Giorgos Ioannou und bat ihn, ihm Gedichte für einen Liederzyklus zu schreiben. Es war Geburtsstunde eines Albums, das noch heute als eines der bedeutendsten in Griechenland gilt: Κέντρο διερχομένων, das ›Zentrum der Durchgehen­den‹…oder auch kurz: ›Transitzentrum‹.

 
»In dieser Arbeit habe ich es vorgezogen, Konventionen zu vermeiden, die mich zu einer kühnen Harmonisierung geführt haben. Ich möchte glauben, dass diese Arbeit eine Weiterentwicklung der vollständigsten und originellsten Volksmelodien ist. Die Lieder, die das Album bilden, streben danach, die ganze Bandbreite des sogenannten künstlerischen Volksliedes zu umfassen[.]«[5]
 

Abb. 1. Nikos Mamangakis, Κέντρο διερχομένων, aus dem gleichnamigen Zyklus (S. 6, T. 5-8). IDAIA: Athen 2010.

Δίπλα το λιμάνι, πίσω τα σφαγεία

πέρα στην πλατεία, άδεια καφενεία.

Όλη μέρα μπρός μου ο σταθμός των τραίνων

Άλφα Μι στην πύλη κέντρο διερχομένων.

Neben dem Hafen liegen die Schlachthöfe,
hinter dem Platz, leere Cafés.

Den ganzen Tag den Bahnhof vor mir,
ein Einkaufsladen am Tor des Grenzübergangs.[7]

 

Entgegen der aktuell in Deutschland verbreiteten Ver­wendung des Begriffs ›Transitzentrum‹ spielen die Ge­dichte Ioannous nicht etwa auf Zwischenlagerstätten für Geflüchtete an irgendwelchen Landesgrenzen an, wie es der heute heiß diskutierte Masterplan Migration[6] des Bundesinnenministers Horst Seehofer, der in sagenhaften 63 Punkten Maßnahmen zur Ord­nung, Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung nennt, auf so unchristliche und unsoziale Weise tut.
Nein, denn das ›Transitzentrum‹ Ioannous ist ein his­torisch greifbarer Ort: gemeint sind die zahlreichen, zumeist am Hafen oder nahe am Bahnhof gelegenen Grenzübergänge, Quartiere und Baracken des Militärs, die tagein tagaus von abervielen Soldaten bewohnt werden…nur Durchgehende, Passagiere, ›Transitäre‹, die bis zum Schichtwechsel allerlei Begegnungen und Erfahrungen — nicht zuletzt auch erotische! — ma­chen. Die Gedichte beschrieben konkrete Orte und Plätze in Athen und Thessaloniki und lassen ein zwie­lichtiges Gefühl von Alltagsleben im von Kriegen und Diktatur gebeutelten Griechenland aufscheinen.

 

Κέντρο διερχομένων

Die insgesamt elf Lieder des Zyklus’ wurden 1982 mit einigen der namhaftesten Sänger*innen des neuen, künstlerischen Volksliedes eingespielt. Unter ihnen Eleftheria Arvanitaki: eine Stimme und ein Na­me, der kaum besser vom Inhalt und Wesen des Κέντρο διερχομένων zeugen konnte: Eleftheria (griech. Ελευ­θερία) ist die Freiheit, die in jedem Wort und in jeder Note, jedem Bouzouki- und Geigenton des Albums mit­schwingt.
2010, nachdem Nikos Mamangakis sein eigenes Label ΙΔΑΙΑ — das auf dem alten Namen Kretas fußt — grün­dete und dort zahlreiche seiner erfolgreichen Kompo­sitionen und Einspielungen aus den vergangenen 40 Jahren neu einspielen und in leicht spielbaren Noten­editionen herausgeben ließ, veröffentlichte er eine Neufassung des Κέντρο-Albums, mit neuen, jungen Sänger*innen und Musiker*innen — denn die Zusam­menarbeit mit Nachwuchskünstler*innen galt ihm als eines der wichtigsten Elemente im Leben eines zeitge­mäßen Komponisten…egal welcher Stilrichtung.[8] Und dennoch wollte Mamangakis nie als richtiger Lehrer geschweige denn gar als Professor arbeiten. Unterrich­tet hat er lediglich von seinem Schreibtisch in seiner vom schönsten attischen Licht durchfluteten Wohnung im Athener Stadtteil Pangrati, wo sich gleichzeitig die Verlagsräume und das Tonstudio befanden, welche die aberwitzig vielen CD-Produktionen der letzten Jah­re nur so auszuspucken schienen. Die erweiterte Fassung des Κέντρο-Zyklus’ von 2010 zeichnet nicht nur eine neue Instrumentierung und leichte Änderun­gen im melodisch-harmonischen Material aus, sondern beherbergt zudem Klavierparaphrasen fast aller Lie­der, virtuos eingespielt von Adonis Fasart. Dieser ist im mitteleuropäischen Raum eher bekannt als Antoine Fachard, Komponist und Multiinstrumentalist[9] — einer der vielen Jungen, die Mamangakis fördern und viel­seitigen Künstler*innen formen konnte.

Μείνε κοντά μου απόψε η νύχτα είναι το παν
η νύχτα είναι μαχαίρι γι’ αυτούς που αγαπάν.
Μες στο σκοτάδι νοιώθω καυτό το σώμα σου
το ψάχνω το χαϊδεύω φιλώ το στόμα σου.

Bleibe bei mir, heute ist die Nacht der Nächte,
die Nacht ist ein Messer für die, die lieben.
Im Dunkeln fühle ich die Hitze deines Körpers,
suche nach ihm und küsse deinen Mund.[10]

 

Abb. 2. Nikos Mamangakis, Μείνε κοντά μου, aus dem Zyklus Κέντρο διερχομένων (S. 22, T. 3/4) © IDAIA: Athen 2010.

 

* * *

2012 habe ich Nikos Mamangakis in Athen besucht und ihn zwei Monate lang jeden Dienstag zu einem mehrstündigen Gespräch getroffen. Ich habe seine al­ten Noten und Notizen durchstöbern können und auch seine ›deutsche Vergangenheit‹ mit ihm Revue pas­sieren lassen — bei gutem Essen, viel Musik und star­kem, 42-mal umgerührten Kaffee. Mich über seine Zeit in der Bundesrepublik und zwischen den Stühlen, im Spannungsfeld zwischen zwei Ländern, Kulturen und künstlerischen Standpunkten befindend zu informieren war Anlass für meine Reise ›Dienstags bei Nikos‹.

Vor fünf Jahren, am 24.07.2013 — dem griechischen Nationalfeiertag der ›Wiederherstellung der Demokra­tie‹ — ist Mamangakis, der selbst ein Reisender im ›Zentrum der Durchgehenden‹ zeitlebens gewesen ist, gestorben. Auf Griechisch wünscht man Verstorbenen mitunter eine letzte, gute Reise (griech. καλό ταξίδι!). Takis Sakellariou hat mit dem Dokumentarfilm Nikos Mamangakis: The Last Word (2018)[11] den Komponisten ein letztes Mal zu Wort kommen lassen. Ich hoffe, ihn bald auch in Deutschland sehen zu können…bis dahin läuft in Dauerschleife Musik aus dem Κέντρο διερχο­μένων.

 

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1.  Vgl. u. a. Peter Motzkus, Poetisches Roadmovie über Mikis Theodorakis. www.motzkunst.de (11052018)
2.  Panos Chrysostomou, Μουσική ακούω, ζωή καταλαβαίνω. Athen: Agyra 2006 — S. 57f. (Übersetzung: PM).
3.  Zit. n. Ebd. — S. 65.
4.  Vgl. u. a. Manuel Negwer, Villa-Lobos. Der Aufbruch der brasilianischen Musik. Mainz: Schott Music GmbH & Co. KG 2008 — S. 145ff.
5.  Nikos Mamangakis, Κέντρο διερχομένων. Vorwort zur Notenausgabe für Stimme und Klavier. Papagrigoriou – Nakas Co.: Athen 1997.
6.  Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Masterplan Migration. Berlin, 04.07.2018.
7.  Giorgos Ioannou, Κέντρο διερχομένων, Strophe 1 (Übers.: PM).
8.  wie Anm. 2. — S. 161ff.
9.  http://antoinefachard.com
10. Giorgos Ioannou, Μείνε κοντά μου, Strophe 1 (Übers.: PM).
11. http://www2.filmfestival.gr/en/movie-tdf/movie/8176

 

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