»Unregelmäßig, aber schön«: Über „Lied der Minne“ von Arne Sanders

von

Heterophonie

…eine hierzulande weniger bekannte Form der Mehrstimmigkeit und die eher in volkstümlicher geprägten Musikkulturen anzutreffen ist, bezeichnet ein mithin improvisiertes ein- bis mehrstimmiges Singen gleicher bzw. verwandter Melodien sowie ihrer Versatzstücke. Dies eine aufs Einfachste herunter gebrochene Definition einer Musikpraxis, die historisch und ethnologisch sehr viel reicher und verschlungener ist als sie hier ausgebreitet werden kann. Dies hat unlängst der Komponist und Musikethnologe Arne Sanders in einem mehrjährigen Forschungsvorhaben getan, welches er an der University of Leeds (GB) mit seiner Dissertation zum Thema der Heterophonie und polyphoner Schichtungen als Mittel mehrstimmigen Komponierens im 21. Jahrhundert abgeschlossen hat. »Ein sehr schräges Klangbild, das sich da ergibt.«[1] So charakterisiert Sanders das, was er in schottischen Gottesdiensten aufgeschnappt hat. Denn Heterophonie ist nicht nur in außereuropäischen, v. a. (ost-)asiatischen Kulturen zu hören. Das gälische Psalmsingen ist es, dessen sich Sanders’ a cappella-Komposition für fünf Stimmen Lied der Minne ideengeschichtlich annähert.

 

 

Sanders

…interessiert sich dezidiert für die kleinen Formen, die unvorhersagbaren Überraschungen in der Musizierpraxis: lokale Unterschiede beim Singen von Volksliedern gibt er im Gespräch als ein bewegendes Beispiel an. Was sind die mitunter kaum hörbaren Unterschiede...und worin mögen sie begründet sein? Dem geht der Komponist auch im Lied der Minne nach, welches jüngst im Berliner Verlag Edition Plante erschien.

Abb. 1. Arne Sanders, Lied der Minne, Stimme 1 (T. 1-4) © Edition Plante EPL 1130, Berlin 2017.

Die Notenausgabe besteht aus fünf Einzelstimmen. Eine Partitur im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, ja: kann es gar nicht geben. Gleichwohl Sanders seine Komposition nicht als ›Polywerk‹ oder ›akzidentielles Ensemblestück‹ verstanden wissen will. Die fünf Sänger*innen scheinen zwar weitestgehend unabhängig voneinander und sollen sich während der Aufführung auch nicht anschauen können — und doch verbindet sie ein Band, eine Melodie miteinander, um die herum sie mit ›etwas nasaler Singstimme‹ tanzen, improvisieren, verzieren. »Unregelmäßig, aber schön«[2] findet dies der Komponist. Daraus spricht auch schon die Erfahrung und Begeisterung, die er mit dem Text sowie der Melodie gemacht hat, die Eingang in das Lied der Minne gefunden haben.

 

O edeler arn, o suesses lamp, o fúres gluot, entzúnde mich! Wie lange sol ich alsus dúrre sin?
Ein stunde ist mir alze swere,
ein tag ist mir tusent jar, so du mir froemede woeltest sin. Solte es ahte tage wern,
ich woelte lieber zer helle varn –
da ich doch inne bin!
Wand das got der minnenden sele vroemde si,
das ist pine úber mensclichen tot
und úber alle pine, das gloubent mir!
Die nahtegal dú muos ie singen,
wan ir nature spilet von minnen al;
der ir das beneme, so were si tot.
Eya grosser herre, bedenke min not!

Eya edelú juncfrouw, bereitent úch, úwer lieber wil komen.[3]

 

Musikalische

…Grundlage bildet eine Choralmelodie aus dem Genfer Psalter (16. Jh.), die Sanders nicht nur aus dem schottischen Psalmgesang, sondern auch noch aus seinen ostfriesischen Kinder- und Jugendtagen kennt. Die Faszination für diese spröden Melodien ist ihm bis heute geblieben. Denkbar überrascht war er als er merkte, dass der Psalter es bis in die Kirchen der High- und Lowlands schaffte und dort eine lange, auf dem europäischen Festland nahezu unbekannte Gesangstradition pflegte. Ebenso emotional wie die Wahl des melodischen Materials erfolgte auch die der textlichen Grundlage. Die Texte der spätmittelalterlichen Mystikerin und Begine Mechthild von Magdeburg (1207-82) sind Sanders seit längerem bekannt gewesen.[4] Darin faszinierten ihn besonders die große Leidenschaft, die diesen Liebesliedern entspringen — die einer Nonne aus dem 13. Jh. höchst unüblich waren. Mithin wird Mechthild sogar als ›Minnesängerin Gottes‹[5] bezeichnet.

Abb. 2. Arne Sanders, Lied der Minne, Stimme 1 (T. 43-46) © Edition Plante EPL 1130, Berlin 2017.

 

* * *

 

In Arne Sanders’ Lied der Minne verbinden sich diese drei unterschiedlichen kulturellen Bausteine zu einem eindrücklichen, verstörenden und berührenden Klangerlebnis. Die Minne wird besungen, Liebe und auch körperliches Sehnen wird verbalisiert, bleibt aber letztlich unerfüllt. Dieser Nichterfüllung, diesem Hoffnung machenden Enttäuschtwerden eine Musikpraxis wie das heterophone gälische Psalmsingen zur Seite zu stellen, ist ein ganz wunderbarer Einfall. Da reiben sich die Stimmen aneinander, es entsteht Nähe, Wärme, die jedoch unbeantwortet bleiben muss. Egal, wie nah sich einzelne Sänger*innen auch mitunter kommen…wer das gleiche sagt, muss noch lange nicht dasselbe meinen. Da wirkt der trocken und ›sehr vorsichtig, zögerlich‹ vorgetragene — homophone! — Teil, der einen Sichtwechsel vollzieht und nun nicht mehr die Minnesängerin, sondern Gott selbst zu Wort kommen lässt, fast schon etwas zynisch und populistisch in seiner apodiktisch formulierten Einfachheit.

              

1.  Arne Sanders im Gespräch mit Peter Motzkus am 06.06.2018 in Dresden.
2.  ebd.
3.  Arne Sanders, Lied der Minne. Edition Plante EPL 1130, Berlin 2017.
4.  Hans Neumann, Mechthild von Magdeburg: Das fließende Licht der Gottheit. Nach der Einsiedler Hand-schrift in kritischem Vergleich mit der gesamten Überlieferung, 2. Bde. München: Artemis Verlag 1990.
5.  vgl. u. a. Hildegard Keul, Mechthild von Magdeburg, die Troubadoura der Gottesminne – dem Geheimis des Lebens auf der Spur. In: Lebendiges Zeugnis, 55. Jg., Heft 4 (2000).

 

Uraufführung

Do // 14. Juni 2018 // Deutsches Hygiene-Museum Dresden
AUDITIVVOKAL DRESDEN (Olaf Katzer, Ltg.)

 

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