Dramaturgie

Für die Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin Marietheres Wagner ist »[d]er Weg von einem Anfang zu einem Ende […] der kleinste gemeinsame Nenner jeder Erzählform und damit die Basis von Dramaturgie« (Wagner, Zürich 2014). Dem muss ich unbedingt widersprechen!

 

Mein Ansatz

Für mich fängt Dramaturgie auch bei den Interpret*innen an: was gibt nicht nur die Figur, die gespielt/dargestellt werden soll, inhaltlich, persönlich und fachlich/historisch her(?), sondern eben auch: was steckt in dem*r Darsteller*in selbst an Potenzial, das sich für den Aufbau einer Dramaturgie — ganz gleich ob (Musik-)Theater- oder Konzert — nutzbar machen lässt? Dies versuche ich in meinen dramaturgischen Konzeptionen anhand von Interviews und ausführlichen Gesprächen mit den Kunstschaffenden gemeinsam zu erarbeiten. Um daraus schlüssige, nahbare und auch für die Interpret*innen anrührende Programme zu entwickeln.

© Christian HostettlerBei der Moderation des Konzerts Liebe 3.0: wie wollen wir lieben?
von AUDITIVVOKAL DRESDEN im Deutschen Hygiene-Museum
(© Christian Hostettler).

Dramaturgie verstehe ich daher in erster Linie als einen kompositorischen Prozess: das Herstellen von Assoziationen (auch Bisoziationen) und das (Er-)Finden von Zusammenhängen. Hier müssen sich freilich künstlerische und wissenschaftliche Komposition stets die Waage halten.

Geht es also weniger darum, „Geschichten zu erzählen“ (abgeschlossene Erzählformen mit Anfang-Mitte-Ende), als vielmehr „Momente und Schlaglichter aufblitzen zu lassen“, zu denen sich (Re-)Produzierende wie Rezipierende ihre eigenen Gedanken und Bezüge herleiten können?

 

Interdisziplinarität

In meiner bisherigen dramaturgischen Tätigkeit konnte ich v. a. im Bereich der konzertanten Musikdramaturgie Programme erarbeiten und diese gemeinsam mit engagierten Künstler*innen einem interessierten und begeisterten Publikum präsentieren. Darüber hinaus ist der Kontakt zu weiteren künstlerischen Partnern, wissenschaftlichen Einrichtungen und politischen Institutionen aufgebaut worden, die ich fortwährend in die Projektentwicklung und -ausführung einbeziehen möchte.

© Alexander Bischoff
Im Gespräch mit der sächs. Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange, dem Komponisten Georg Katzer
und Katrin Bicher (SLUB Dresden) während des Auditiven Roundtables zum zehnjährigen Bestehen von AUDITIVVOKAL DRESDEN,
im Vortragssaal der SLUB Dresden (© Alexander Bischoff).

Hier ist die Verbindung mit anderen Kunst- und Wissenschaftsdisziplinen zentraler Bestandteil meiner dramaturgischen Arbeit; im Laufe der letzten Jahre v. a. der Tanz. Aber auch Projekte mit Verknüpfungen zur Literatur und zur Malerei sowie zum Film (in Planung) zeichnen die bisherigen Arbeiten aus.

Die Zusammenarbeit mit Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen (HfMDD, SLUB DD etc.) hat zudem spannende Kooperationen, Workshop- und Vermittlungsprojekte, aber auch wissenschaftliche Dokumentationsvorhaben angestoßen, die seitdem bestehen und rege fortgesetzt werden.

 

Ästhetik der Neuen Menschlichkeit

Aus der dramaturgisch-wissenschaftlichen Tätigkeit bei AUDITIVVOKAL DRESDEN sind Wunsch und Idee entstanden, das künstlerische und kultur- und bildungspolitische Handeln des Ensembles und seines Künstlerischen Leiters, Olaf Katzer, in den weiten Blickwinkel einer neuen ästhetischen Theorie zu stellen. Gemeinsam mit Kolleg*innen von der Technischen Universität Dresden entstehen seit 2017 Ausarbeitungen zu einer Ästhetik der Neuen Menschlichkeit, die — als neuhumanistische Option — mit Rekurs auf präsenz- und resonanzästhetische Konzepte (Yves Bonnefoy, Hans Ulrich Gumbrecht, Hartmut Rosa) eine Idee ästhetischer Zugänglichkeit, die einer verdichteten Gegenwart, einer Qualität und Tiefe subjektiver Erfahrungen, besonderes Gewicht gibt.

© Christian HostettlerZur BürgerSingStunde @ Albertinum Dresden (© Christian Hostettler).

In diesem Kontext werden künstlerische und Bildungsprojekte sowie deren wissenschaftliche Reflektion angestrebt, die sowohl das Schaffen von AUDITIVVOKAL DRESDEN dokumentieren sollen, als auch einen wertvollen Beitrag leisten wollen, damit zeitgenössische (Vokal-)Musik eine zukunftsfähige und gesellschaftliche legitimierte Kunstform bleibt/wird.